Bundeskanzler Merz hat Julian Nagelsmann für dessen Engagement als – ehemaliger – Bundestrainer gedankt. Okay, beide Männer liegen im Ranking der Deutschen nicht weit vorne. Von Michael Zäh
Es kam so, wie es kommen musste. Denn Julian Nagelsmann war nicht mehr der richtige Trainer für die deutsche Nationalmannschaft. Und zwar aus einem klaren und einfachen Grund: Nagelsmann hatte kein Gespür für die Situation. Er hatte dieses nicht in seinen Statements gegenüber den Medien, und wenn er dort kein Gespür hat, warum sollte es intern gegenüber den Spielern anders sein? Dies bewies der noch so junge Trainer nach dem blamablen Ausscheiden Deutschlands im Sechzehntel-Finale gegen Paraguay sehr nachdrücklich. Als beispielsweise die ZDF-Reporterin Lili Engels ihn nach dem Ausscheiden zu den Gründen dafür fragte, reagierte Nagelsmann patzig mit den Worten, dass er ihr die Sache mit der zu langsamen Verlagerung doch „nun schon dreimal“ erläutert habe. Als ginge es in diesem Moment des nationalen Schocks darum, eine Reporterin zu brüskieren und zu belehren. Es war, als sei Nagelsmann in seinem eigenen Universum, das allerdings in diesem Moment in einem eher schlechteren Sinne „völlig abgehoben“ war. Kein Gespür. Ein etwas aggressiverer Reporter hätte Nagelsmann womöglich zurück gefragt: „Wenn Ihre Mannschaft zu langsam von rechts nach links verlagert – haben Sie da als Cheftrainer gar keinen Einfluss darauf?“ Aber auch in der Pressekonferenz am Tag darauf, referierte der Bundestrainer über Fußballspezifisches, Paraguays lange Bälle, die Probleme beim eigenen Flügelspiel und die Fehler der Deckung beim 0:1 – als ginge es um ein beliebiges Fußballspiel. Dabei ging es um das WM-Ausscheiden.
Einige Tage darauf war es offiziell: Der Deutsche Fußball-Bund und Julian Nagelsmann gehen nach dem frühen WM-Aus der Nationalmannschaft getrennte Wege. Der bis 2028 laufende Vertrag des Bundestrainers wurde mit sofortiger Wirkung aufgelöst. „Ich habe in den vergangenen Tagen seit dem Ausscheiden viel nachgedacht und mich mit Vertrauten in meinem persönlichen Umfeld und im Verband ausgetauscht. Die Entscheidung ist mir alles andere als leichtgefallen“, sagte Nagelsmann, der nach einem Krisengipfel in der DFB-Zentrale darum gebeten hatte, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden. Also klar: Man gab Nagelsmann die Chance, selbst zurück zu treten, anstatt schnöde gefeuert zu werden. Vertraute wie „Daddy“ Völler werden ihm erklärt haben, dass dies dann auch für seine kommende Karriere als Trainer vorteilhafter sein werde. Außerdem kriegt Nagelsmann für seinen „Rücktritt“ wohl die kolportierte Summe von sieben Millionen Euro. Solche Summen sind natürlich für den ganz normalen Fußballfan wie eine Ohrfeige. Aber es bringt nichts, das zu sehr anzuprangern. Dann wäre auch schnell die Diskussion in Gange, was eigentlich die deutschen Nationalspieler – die bei der WM enttäuschten – bei ihren Klubs verdienen. Und schon wäre man bei einer Neid- und vielleicht sogar Hass-Kampagne. Der Markt ist wie er ist. Und man muss sich schließlich als Spieler wie auch als Trainer erst mal so weit durchsetzen, dass man solche Spitzengehälter überhaupt angeboten bekommt. Außerdem kann Julian Nagelsmann ja nichts dafür, dass der DFB ihm nach der EM 2024 – warum eigentlich? – gleich einen üppigen Vertrag bis zur EM 2028 gegeben hat. Da sich nun die Wege auf Wunsch des DFB trennen, ist die entsprechende Abfindung quasi im Verhältnis zum leichtsinnigen Überschwang der Vertragsverlängerung völlig okay. Später hieß es, dass Nagelsmann großzügig auf einen Teil davon verzichtet habe.
Kein Gespür für Situationen, schon länger
Julian Nagelsmann mag fachlich ein „Top-Trainer“ (so Sportdirektor Rudi Völler) sein. Aber er hat auch immer wieder bewiesen, dass er kein Gespür für die Situationen hat. Sein Verhalten, halb schnippisch, halb besserwisserisch, folgt einem Muster, das sich schon in der Vorbereitung auf die WM abgezeichnet hatte. In einem „Kicker“-Gespräch beschrieb Nagelsmann die Rollenprofile seiner Spieler Anfang März mit unnötiger Offenheit, nur um sich mit seiner „Expertise“ selbst ins günstige Licht zu setzen. Ende März redete er in einem TV-Interview den Stürmer Deniz Undav schlecht, weil dieser größtenteils „nicht gut gespielt“ habe – obwohl dieser gerade ein Freundschaftsspiel gegen Ghana zugunsten der Deutschen entschieden hatte. Direkt nach dem blamablen Ausscheiden gegen Paraguay faselte Nagelsmann etwas daher von einem Pass, den Undav nicht gespielt habe („den Ball hätten wir sonst nur noch rein schieben müssen“) – Unterton: „Ich hatte doch immer Recht, dem Undav nicht zu trauen.“ Und wer so sehr von sich eingenommen ist, dass er kein Gespür für andere hat, seien es „seine“ Nationalspieler, sei es eine ganze Nation enttäuschter deutscher Fußballanhänger, der konnte nicht Bundestrainer bleiben. Niemand will von ihm einen Vortrag über Fußball hören, wenn es ihm gerade „gelungen“ ist, extrem bitter – zumindest für Spieler und Fans – zu scheitern. Niemand will einem Mann zuhören, der selbst im Moment einer unglaublichen Niederlage noch so tut, als wüsste nur der Fachmann Nagelsmann wirklich Bescheid.
Okay, wir sind alle Besserwisser
Natürlich sind wir alle klüger hinterher. Also wir über 80 Millionen Bundestrainer im Land. Wir sind halt cleverer als jeder Bundestrainer, der all jene Fehler macht, die wir nicht gemacht hätten. Aber er hat uns nicht gefragt. Das finden wir hochnäsig. Schon vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ecuador stand ja für Julian und uns alle die große Frage ja fast als Forderung im Raum: Jetzt mal anders aufstellen, weil es ja nicht mehr als schiefgehen kann, da wir da schon als Gruppenerster fest standen. Psychologisch betrachtet – und wir über 80 Millionen sind natürlich nicht nur Cheftrainer sondern alle auch mit psychologischem Gespür ausgestattet, sprich feines Näschen wie sonst nur unser Torjäger Deniz Undav – also vom Psychologischen her wäre es doch logisch gewesen, all jenen eine Chance in der Anfangsformation zu geben, die zuvor ab der 60. Minuten gegen die Elfenbeinküste das (bis dahin schwache Spiel von uns) zum Erfolg gedreht hatten. Aber nein, dieser Nagelsmann musste es natürlich wieder besser wissen. Und die lieben wir gar nicht, die Besserwisser. Und wie argumentierte er dann nach der 1:2-Niederlage? „Leider haben wir direkt nach dem Tor (zur frühen 1:0-Führung) angefangen, Harakiri in der Positionierung zu machen.“ Die Mannschaft sei nach der 1:0-Führung „ungeduldig“ gewesen, viele Spieler hätten „sehr früh sehr schnell die Positionen verlassen“, die ihnen zugewiesen worden waren. Aha, da waren mal wieder „die Spieler“ schuld, Herr inzwischen Ex-Bundestrainer, die alle von Ihnen fein ausgedachten Positionen eigenmächtig verlassen haben. Und natürlich nicht Trainer Julian, der mit seinen forschen Einwechslungen den Nagel nun gar nicht auf den Kopf getroffen hatte. Ja überhaupt wirkt es immer so, als könne der Fehler nur bei denen liegen, die den Fußball nicht so gut verstehen wie Julian Nagelsmann. Kann aber auch sein, dass der Fußball den nun zurück getretenen Bundestrainer nicht verstehen wollte. Und da nützt dann alles Zetern, Hüpfen und Schimpfen am Rande der Coaching-Zone nichts. Auch die Einordnung einer möglichen Fehlentscheidung des Schiedsrichterteams bei der Aberkennung des 2:1 nach Tah-Kopfball als „Vollskandal“ bringt nichts. Denn Julian Nagelsmann ist als Bundestrainer nun mal in der Verantwortung gewesen, Mittel und Wege zu finden, um Paraguay zu schlagen. Er fand sie nicht. Bei der ZDF-Expertenrunde hat Christian Streich schön erzählt: „Ich habe meinen Jungs gesagt: Ich bin nicht der König, wenn wir gewinnen. Und ich liege nicht im Dreck, wenn wir verlieren.“ Er wollte damit sagen, dass es immer ein Wechselspiel zwischen Trainer und Mannschaft ist, beide Seiten haben daran Anteil, und beide Seiten haben dann auch ihr Päckchen zu tragen, wenn es schief geht. Julian Nagelsmann hat in seinen jungen Jahren jetzt schon extrem viele Erfahrungen gesammelt. Da wird noch mal was draus. Es ist ein Unterschied, ein guter Klub-Trainer oder ein guter Bundestrainer zu sein. Man denke nur an Hansi Flick, der 2022 als Bundestrainer floppte, aber davor beim FC Bayern und danach bei FC Barcelona grandiose Erfolge erzielte. Mal sehen, wer ihn anheuert. Wir tippen mal auf einen Klub in England, da Julian Nagelsmann ja auch den deutschen Spielern immer wieder Begriffe um die Ohren schlug, wie etwa „Worker“ oder „Deceider“. Bundeskanzler Merz hat Nagelsmann offiziell für sein Engagement gedankt. Okay, lassen wir mal so stehen. Beide liegen ja im Ranking der Deutschen nicht ganz so weit vorne.

