Die große Stärke von Jürgen Klopp ist die Treffsicherheit seiner Sätze. Und er sagt, dass der deutsche Fußball am Wendepunkt stehe und es grundlegende Veränderungen brauche.
Noch in der Nacht des Schocks kam es zu einer Szene, die zeigte, welche Sehnsüchte das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bereits im Sechzehntelfinale – hier bekommt das Wort „Finale“ eine ganz eigene Bedeutung – beim Publikum weckt. Es war wohl schon 2 Uhr nachts, als ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein sich plötzlich an einen ihrer Experten wandte und fragte: „Christian, suchst du gerade einen Job?“ Darauf feixte Christian Streich, ohne etwas zu sagen. Aus dem Studiopublikum gab es aber tosenden Applaus. Umso mehr wird sich die deutsche Fußballseele nun freuen: Jürgen Klopp, 59, soll und will neuer Bundestrainer werden. „Ich bin bereit“, teilte Klopp mit, der bei Magenta-TV als Experte im Einsatz ist. Er sprach mit dem Moderator Johannes B. Kerner auf einer Terrasse in Manhattan über die aktuelle Lage: „Ich habe einen bestehenden Vertrag mit Red Bull. Ich halte Verträge super gerne ein. Aber ich habe Interesse an Gesprächen. Es werden intensive Gespräche sein müssen.“ Die Probleme des deutschen Fußballs hingen „nicht an der Personalie Julian Nagelsmann“, der mit der Nationalelf bei der WM im Sechzehntelfinale an Paraguay gescheitert war. Nein, der deutsche Fußball stehe insgesamt „am Wendepunkt“: „Wir müssen jetzt Dinge grundlegend verändern. Ob das am Ende ich sein werde oder wer auch immer – das ändert nichts daran, dass die Veränderungen notwendig sind.“ Das ist der typische Kloppo-Sound. Es gehe um Größeres als um ihn als Person.
Aber die leidende Fußballnation sehnt sich nach einem wie ihn (und nicht nach „Wer auch immer“) und bangt, ob das womöglich noch schief gehen könnte. Es sei immer „schwierig, Gesprächen vorzugreifen, aber wir haben natürlich auch schon Dinge angetextet, und dementsprechend gehe ich da nicht von aus“, sagte Klopp selbst zu dieser Frage auf der New Yorker TV-Terrasse. Jürgen Klopp ist zwar nicht bekannt dafür, auf gutes Geld zu verzichten. Aber nichts ist für den DFB so teuer wie der anhaltende Misserfolg seines Nationalteams. Und für Red Bull wäre es ein PR-Desaster, die Wunschlösung der deutschen Fußballgemeinde zu torpedieren. Man hatte Klopp ja als „Head of Soccer“ installiert, um umgekehrt ein Image-Transfer zu fördern, also von der Popularität Klopps zu zehren. Der DFB und Red Bull werden sich also einigen können, weil beide Seiten davon nur profitieren.
Aber ja, da war ja noch diese Vorgeschichte bei der WM: Niemand wird Jürgen Klopp unterstellen, dass er sich das Scheitern der Nationalmannschaft gewünscht habe. Er war einfach nur als sehr populärer Kommentator von Magenta TV am Start. Neben Johannes B. Kerner und Schieri Urs Meier analysierte Klopp schon Spiele der WM 2006 sowie der EM 2008. Gemeinsam mit Kerner und Meier bekam er dafür und für die fachkundige, unterhaltsame Fußballerklärung am 20. Oktober 2006 den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Sportsendung“ verliehen. Wir erinnern uns gerne. Nun also nochmal mit Kerner auf Magenta TV, rund 20 Jahre später, in denen Klopp als Trainer von Dortmund und Liverpool spektakuläre Erfolge hatte. Und gleich zu Beginn gab es Aufregung. Da unkte Klopp gegenüber Thomas „Radio“ Müller: „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf, noch – noch!“ Wieso noch? Müller nahm die Anspielung dankbar auf, weil er sofort die Brisanz der Aussage erkannte, und rief: „Oh, oh, oh, oh!“ Zu Klopp sagte Müller: „Kloppo, es ist erst Juni! Du bist schon im September!“ Auch die „Entschuldigung“ von Jürgen Klopp gegenüber Julian Nagelsmann vor laufenden Kameras nach dem 7:1 Sieg der deutschen Elf gegen Curaçao darf man sich gerne mal auf der Zunge zergehen lassen: Er sei bald 59 „und immer noch dämlich“, sagte Klopp. „Das Unwort meines Jahres habe ich bereits gefunden, das ist ‚noch‘. Ich hätte mir dafür aufs Maul hauen können.“
Insgesamt sind Klopps Sätze aber seine Stärke, neben dem ganzen Sachverstand und so. Als er in Liverpool anfing, sagte er sinngemäß, dass es nicht so wichtig sei, was die Leute sagen, wenn du anfängst, sondern was sie sagen, wenn du gehst. Klopp schenkte Liverpool den ersten englischen Meistertitel seit 30 Jahren sowie einen Champions-League-Sieg, und als er ging, sangen sie, dass er sie glücklich gemacht habe. Genau das wünscht sich die deutsche Fußballseele. Abgerechnet wird, wenn er geht!

