
Was sagt Kanzler Friedrich Merz über seine eigene Art zu reden? „Ich unterscheide mich in meiner Kommunikation von meinen Vorgängern.“ Die deutsche Öffentlichkeit und auch der Journalismus seien „einen Bundeskanzler, der sagt, was er denkt, seit 20 Jahren nicht mehr gewohnt“. Klingt selbstbewusst bis eitel. Es ist das Selbstbild des Sauerländers voller Stolz. „Ich mag diese gestelzte, künstliche, übervorsichtige Sprache nicht.“ Das sei doch „auch ein Teil unseres Problems, dass die Leute nicht mehr wissen, wo bist du eigentlich dran bei dem.“ Dieses Zitat stammt von Merz, allerdings nicht von Merz, dem Kanzler. Sondern von Merz dem Oppositionsführer und Scholz-Kritiker. Merz’ Vorgänger, Olaf Scholz, wurde vorgeworfen, er sei mundfaul. Das hat von Friedrich Merz, dessen Kanzlerschaft sich kürzlich zum ersten Mal jährte, nun wahrlich noch niemand behauptet. Lange schon hat kein Kanzler sein Innerstes so bereitwillig nach außen gekehrt. Manche finden das prima, irgendwie authentisch. Andere schämen sich fremd für die verbal schrägen Sprachbilder, die der Kanzler oft in die Welt setzt. „Ich weiß“, sagt er, „dass ich stärker polarisiere, als es meine Absicht ist.“ Merz hat über „kleine Paschas“ gesprochen, die CDU als „Alternative für Deutschland mit Substanz“ bezeichnet und behauptet, dass Migranten den „deutschen Bürgern“ die Termine beim Zahnarzt wegnähmen. Meistens gab es einen Proteststurm. Aber Merz fand, dass man ihm übel mitspiele.
Friedrich Merz sagte in einem Interview im „Spiegel“: „Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs. Aber wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ Und der Kanzler übte sich in Selbstkritik: „Epiktet hat einmal gesagt, nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten. Ich kann da in der Tat noch besser werden.“ Nebenbei sei erwähnt, dass sich prompt eine Heerschar von kundigen Philologen auf die Suche nach griechischen Stoiker Epiktet gemacht haben – und nachwiesen, dass dieser von Merz zitierte Satz dort nirgendwo steht. Wenn man dessen „Handbüchlein der Moral“ durchforstet, so heißt es, wird man nicht einmal auf einen abgewandelten Satz stoßen, der semantisch auch nur in die Nähe dessen käme, was Merz meint. Irgendwie typisch Merz. Großer Anschein, wenig dahinter. Also bezüglich seiner Kommunikation.
Es sei „ein Riesenproblem, dass Merz so ein impulsiver Mensch“ sei, sagt Miersch für die SPD
Das „Spiegel“-Interview löste übrigens bei Unionsabgeordneten Fassungslosigkeit aus. Das gilt nicht nur für seine Aussage zur Kritik an ihm („Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen“), die in der Fraktion als peinlich und weinerlich wahrgenommen wurde. Schlimm genug, dass ein Kanzler so etwas im Gespräch mit Journalisten sagt, heißt es bei Abgeordneten. Aber dass er diese Sätze dann auch noch zur Veröffentlichung autorisiert, sei ein schwerer Fehler. Quasi sehenden Auges zum Jammerlappen.
In die gleiche Kerbe schlug – wohl nicht ganz zufällig – der SPD-Generalsekretär Miersch. Dem Portal Rundblick Unna zufolge sagte Miersch über Merz, es sei ein Riesenproblem, „dass er so ein impulsiver Mensch ist“. Er nannte als Beispiele die Aussagen des Kanzlers, dass die gesetzliche Rente „allenfalls noch eine Basisabsicherung“ sein könne, und den Wunsch des Kanzlers nach Respekt vor den Besserverdienenden. Mierschs Analyse des kommunikativen und handwerklichen Führungsstils von Merz: „So kann man eigentlich kein Kanzleramt führen.“
Die Sehnsucht des Kanzlers nach Applaus
Bundeskanzler Friedrich Merz sollte lieber nicht so oft an ein Rednerpult treten. Blöd ist halt nur, dass dies genau seiner Jobbeschreibung entspricht. Er muss ständig Reden halten, mal hier und mal dort. Also vor ganz verschiedenen Interessengruppen, an ganz verschiedenen Schauplätzen. Und es wird längst auffällig, dass die Reden des Friedrich Merz sich geschmeidig an eben die jeweilige Zuhörerschaft anschmiegen. Man könnte fast sagen, seine Worte wollen: Applaus, Applaus!
Jüngstes Beispiel sind die Reden von Merz zum Thema Rente. Ende April stimmte der Kanzler die Deutschen auf grundlegende Veränderungen bei der Rente ein. Merz sprach beim Jahresempfang des Bundesverbands deutscher Banken in Berlin. „Die gesetzliche Rentenversicherung allein“ werde „allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“. Sie werde „nicht mehr ausreichen, um den Lebensstandard zu sichern“. Vielmehr müssten kapitalgedeckte Elemente einer betrieblichen und privaten Altersversorgung hinzutreten. „Und zwar in weit größerem Umfang, als wir sie gegenwärtig weitgehend auf der Basis von Freiwilligkeit haben.“
Schluck! Ist es eine gute Nachricht für alle künftigen Ruheständlerinnen und Ruheständler, wenn die gesetzliche Rentenversicherung offiziell den Anspruch aufgibt, den Lebensstandard zu sichern? Wohl eher nicht. Sondern es schürt Angst bei Millionen Menschen in Deutschland. Kein Wunder, dass die Sozialdemokraten als Koalitionspartner sofort empört reagiert haben. Aber zu diesen Äußerungen geklatscht haben die Gastgeber der Veranstaltung, auf der er seine diesbezüglichen Worte sprach. Von seinem Auditorium wurde der CDU-Kanzler mit Beifall bedacht. Voran von Stephan Leithner, dem Vorstandschef der Deutschen Börse AG. Leithner bestärkte den Kanzler: „Wir können nicht länger zusehen, dass immer größere Milliardenbeträge aus dem Bundeshaushalt aufgebracht werden müssen, um die Löcher in der Rentenkasse zu stopfen.“ Eine kapitalmarktbasierte betriebliche und private Altersvorsorge müsse „eine deutlich stärkere Rolle spielen“. Schon klar, das wäre ja nun nicht zum Schaden für Leithner und Co.,weil diese neue Rentenpolitik ein Milliardengeschäft für Börsen und Banken wird.
Szenenwechsel: Derselbe Redner Merz, aber vor anderem Publikum. Am Ende derselben Woche hat der Kanzler die Bundestagung des Arbeitnehmerflügels seiner Partei dafür genutzt, der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) andere Worte zu präsentieren: „Um es auch sehr klar und deutlich zu sagen: Es wird mit uns keine Kürzungen der gesetzlichen Renten geben“, sagte Merz auf der CDA-Bundestagung.
Jo, man merkt schon: Merz redet halt immer so, wie es die Empfänger seiner Worte gerne haben. Das lässt seine Zustimmungswerte insgesamt allerdings schmelzen wie sonst nur das Eis auf Grönland. Gewagte Worte, sei es über Stadtbilder, sei es über Basisabsicherung, kleine Paschas oder das lausige Belém kosten letztlich Glaubwürdigkeit. Und ein alter Spruch über Politik lautet, dass über Erfolg oder Misserfolg mindestens zu 50 Prozent die Kommunikation entscheidet. Da reicht es nicht, den Applaus der Leute zu suchen, die gerade vor einem sitzen. Aber Merz redet, wie er immer geredet hat und weckt damit Erwartungen, die er dann nicht erfüllen kann. Wie groß gerade der Druck auf die Bundesregierung und speziell den Kanzler ist, zeigen neue Forsa-Zahlen. „Der Anteil der zur AfD abgewanderten früheren CDU/CSU-Wähler ist seit dem Amtsantritt von Friedrich Merz mehr als viermal so groß wie am Ende der Regierungszeit von Angela Merkel“, heißt es dort. Merz hatte mal angekündigt, die AfD halbieren zu wollen.
Was Merz sagt, ist für ihn selbst eher Fluch als Segen. Aber manchmal imponiert es doch!
Merz war zu Besuch ist im Carolus-Magnus-Gymnasium im sauerländischen Marsberg. „Die Amerikaner haben offensichtlich keine Strategie“, klagt er. Das Sympathische daran ist, dass der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland seine jugendliche Zuhörerschaft so ernst nimmt, dass er sich dafür sogar mit Trump anlegt. Kurz darauf wird in Washington dann bereits die Rache verkündet: 5000 US-Soldaten sollen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten aus Deutschland abgezogen werden. Es imponiert, dass Merz Gymnasiasten die Wahrheit sagt, also das, was er denkt, obwohl es außenpolitisch klüger gewesen wäre zu kuschen.
