Es steht ja geschrieben, und zwar schon lange, im Matthäus-Evangelium: „Weiche von mir, Satan!“ Und irgendwo steht in der „heiligen Schrift“ dann auch: „Bete allein den Herrn, deinen Gott, an und diene nur ihm!“ Die Frage wäre jetzt halt, wer denn nun Gott ist und wer weichen soll. Da wären also Donald Trump einerseits und Papst Leo XIV andererseits in der Verlosung. Man könnte auch sagen, Trump pöbelt über den Papst (wie er es ja sonst auch anderen Menschen wie etwa Merz gegenüber sowieso tut), aber der Papst will nicht weichen. Der erste Mann Amerikas legt sich öffentlich mit dem Oberhaupt von nicht weniger als 1,4 Milliarden Katholiken weltweit an (gut 70 Millionen von ihnen sind US-Bürger). Im Unterschied zu den meisten Erdenbürgern lässt sich Papst Leo XIV von dem wüsten Auftreten Trumps nicht im Mindesten einschüchtern. Und aus Sicht der Katholiken ist es so: Wenn alle Macht von Gott ausgeht, wie kann dann Trump glauben, dass er über dem Papst stehe, dass er ein König sei oder gar Jesus Christus?
Begonnen hatte der Zwist schon früher, aber eskaliert ist er, als Trump dem Iran gedroht hatte, „eine ganze Zivilisation“ auszulöschen. Da trat Leo XIV., der erste US-amerikanische Papst, mit ernster Miene abends vor seiner Residenz in Castel Gandolfo in die Lichtkegel der Fernsehkameras und nannte Trumps Drohung „nicht akzeptabel“. Er sprach von einem „ungerechten Krieg, der weiter eskaliert und nichts löst“. Zweimal sagte er das, erst auf Italienisch, dann auf Englisch, damit es die Richtigen verstehen, nämlich auch die Katholiken in den USA. Trump reagierte mit einer beispiellosen Hasstirade. Doch der Papst antwortete, er habe keine Angst, er werde weiter die Botschaft der Bibel verkünden. Einen Tag vor dem Friedensgebet im Petersdom hatte er auf X gepostet: „Gott segnet keinen Konflikt. Ein Jünger Christi, des Fürsten des Friedens, steht niemals auf der Seite derer, die einst das Schwert schwangen und heute Bomben abwerfen.“ Klarer hätte sich Papst Leo nicht äußern können.
Wie Trumps Marionetten J. D. Vance und Marco Rubio sich in diesem Konflikt blamieren
In wahrlich beispielloser Peinlichkeit hat sich US-Vizepräsident Vance direkt nach der Mahnung des Papstes geäußert. Er belehrte das Oberhaupt der katholischen Kirche in Sachen Theologie: Er hat die Kritik von Papst Leo XIV. am Krieg gegen Iran zurückgewiesen und erklärt, die Äußerungen des Pontifex basierten nicht auf theologischer Wahrheit. Vance mahnte den Papst, in dieser Frage „vorsichtig“ mit seinen Worten zu sein. Vance sagte weiter: „In derselben Weise, wie es wichtig ist, dass der Vizepräsident der Vereinigten Staaten vorsichtig ist, wenn er über Fragen der öffentlichen Politik spricht, ist es, denke ich, sehr, sehr wichtig, dass der Papst vorsichtig ist, wenn er über Fragen der Theologie spricht. Man muss sicherstellen, dass es in der Wahrheit verankert ist.“
Eine solche dummdreiste Äußerung wäre ja einfach nur lächerlich, wenn in ihr nicht etwas mitschwingen würde, das einen frösteln lässt. Denn der Vorgang zeigt, dass Trump sich mit Vasallen umgeben hat, die jede Verdrehung der Tatsachen lauthals unterstützen. So fragte Vizepräsident Vance bei einer Veranstaltung von Turning Point USA im Bundesstaat Georgia, ob die päpstliche Aussage auch für den Zweiten Weltkrieg gelte, als amerikanische Truppen Frankreich von Nazi-Deutschland befreiten und Menschen aus Konzentrationslagern retteten. „Wie kann man sagen, dass Gott niemals auf der Seite derjenigen steht, die das Schwert führen?“, so Vance. Aber der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche sagt nun mal das, was er sagt.
Außenminister Marco Rubio, von Trump früher ja als „Little Marco“ verhöhnt, spielt in solchen Szenarien immer wieder die Rolle des angeblich eher vernünftigen Vermittlers. Vor dessen Audienz beim Papst fiel ihm aber (wie so oft) sein Chef mit weiteren großsprecherischen Äußerungen in den Rücken. Kurz vor dem geplanten Vatikan-Besuch von Marco Rubio hat Donald Trump nämlich erneut scharfe Kritik an Papst Leo XIV. geübt. Der Pontifex gefährde „viele Katholiken und viele Menschen“, sagte der US-Präsident in einem Interview mit dem konservativen Radiomoderator Hugh Hewitt. Er warf dem Papst vor, dieser halte es für in Ordnung, wenn Iran eine Atomwaffe besitze.
Der Papst selbst reagierte nüchtern auf die Vorwürfe: „Wenn mich jemand dafür kritisieren will, dass ich das Evangelium verkünde, soll er das mit der Wahrheit tun“, sagte das Kirchenoberhaupt vor Journalisten in Castel Gandolfo. Die Kirche spreche sich seit Jahren gegen alle Atomwaffen aus, daran gebe es keinen Zweifel, so der 70-jährige Pontifex.
Kann der Disput mit dem Papst für Donald Trump gefährlich werden?
Die päpstlichen Mahnungen treffen Trump politisch empfindlich (von seinem stets aufgeblasenen Ego mal ganz abgesehen). Zum einen waren es die katholischen Amerikaner, die ihm zum Wahlsieg verholfen haben. Es gibt erste Umfragen, die eine enttäuschte Abkehr vieler Katholiken von Trump signalisieren. Zum anderen trifft ihn die Kritik, eben weil Leo Amerikaner ist – und deshalb in den USA Beachtung weit über die katholische Bevölkerung hinaus findet. Seine Worte bleiben nicht ungehört.
Trump schrieb, Leo sei nur deswegen Papst geworden, weil er, also Trump, Präsident ist. Aber vielleicht ist es eher andersherum, wie so manche Vatikan-Beobachter glauben. Die Kardinäle haben ihn nicht gewählt, weil, sondern obwohl er US-Amerikaner ist. Überliefert ist der Satz eines US-Kardinals: „Solange die USA nicht in einen politischen Niedergang geraten, wird es keinen amerikanischen Papst geben.“ Jetzt gibt es einen. So gesehen ist der amerikanische Papst berufen, WEIL Trump die USA in den Niedergang führt.
Gibt es den „gerechten Krieg“?
Nach Jesu Worten ist die Sache eindeutig: Christen sind zum Gewaltverzicht aufgefordert. „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die linke hin“, sagt Jesus. Er lässt sich schlagen und anspucken und wehrt sich nicht. In der Bergpredigt fordert er zur Feindesliebe auf und sagt: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Doch wenn ein Mitmensch unter die Räuber fällt, muss man ihm dann nicht beistehen? (War übrigens auch in Deutschland ja immer ein beliebtes Thema, wenn es darum ging, den Kriegsdienst zu verweigern) Ist das nicht auch Nächstenliebe? Wie lässt sich der neutestamentarische Gewaltverzicht durchhalten in einer so gewalttätigen Welt? Nur schwer, das wurde auch den frühen Christen schnell klar. Im fünften Jahrhundert nach Christus, Rom war von den Germanen überfallen und geplündert worden, entwarf Augustinus seine Ideen von einem „gerechten Krieg“. Später weiterentwickelt von Thomas von Aquin besagt die Lehre vom bellum iustum: Ein Krieg ist nur dann gerechtfertigt, wenn er sich gegen Unrecht wendet, den Frieden wiederherstellen und den Gegner nicht vernichten soll.
Der Papst solle sich aus der Politik heraushalten, forderte Donald Trump, allerdings wieder, weil er sein Ego schwer beleidigt sah. Aber kann er das? Päpste sind – worauf Leo XIV. schon hingewiesen hat – eben keine Politiker. Aber sie sind moralische Autoritätsfiguren, sie fungieren, wenn man so will, als eine Art Weltgewissen. Sie können – das Reich Gottes im Blick – ganz anders öffentlich reden und predigen als ein Staatsoberhaupt. Dass sie sich in dieser Rolle für den Frieden einsetzen, ist daher nicht überraschend. Im Gegenteil, es ist als geistliches Oberhaupt einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft geradezu verpflichtend, diese Rolle einzunehmen. Wenn Trump dies „unerhört“ findet, dann ja nur, weil er es nicht versteht. Und natürlich, weil er immer und überall das letzte Wort haben will. Die unbedingte Herrschaft, die Unterwerfung aller Anderen. Doch das macht Papst Leo XIV nicht mit.
Es schält sich bei den Katholiken in den USA sogar ein Bild heraus, das Trump als Teufel bezeichnet. Trump werde es jetzt genauso ergehen wie dem Erzengel Luzifer. Der stürzte und zwar aus dem Himmel, „weil er sich so schön fand. Weil er dachte, er könnte besser sein als Gott“.

