Wenn die Sender sich gegen die blaue Welle wenden

Fotomontage: Adrian Kempf

Nach den erdrutschartigen Stimmengewinnen der AfD bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellt sich auch die Frage, was die Medien zu diesem Erfolg der rechtsextremen Partei beigetragen haben. Und was sie ändern wollen.

Es ist ein Slogan, der so unschuldig wirkt: „Bereit für die Blaue Wende“, wirbt die AfD. Das führte offenbar zu einer blauen Welle, die bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern zu einem ungeheuren Stimmenzuwachs für die gesichert rechtsextreme Partei führte. Natürlich ist es ebenso perfide wie geschickt in den ostdeutschen Bundesländern damit zu werben, dass es dort ja schon einmal eine Wendezeit gab. Es tut so, als hätten sich damals die ostdeutschen Bürger ganz allein der DDR-Herrschaft entledigt – nur um jetzt auch die demokratischen Ordnung der Bundesrepublik hinter sich zu lassen. Es kann natürlich sein, dass dann so mancher AfD-Wähler nicht die blaue Wende, sondern sein blaues Wunder erlebt. Es stellt sich nach den Wahlen aber auch die Frage, welchen Anteil die Berichterstattung der Medien an dem erdrutschartigen Sieg der Rechten hatten. Warum gaben öffentlich-rechtliche Fernsehsender, oder auch der „Spiegel“ den AfD-Leuten so viel Publicity? Und zwar direkt vor den Wahlen.
Es ist keine einfache Antwort möglich. Relativ ehrlich hat sich da der „Spiegel“-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit geäußert, nachdem das Hamburger Magazin Ulrich Siegmund, den Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, auf dem Titelblatt des Magazins präsentierte. Fahndungsfotoartig abgebildet. In roter Schrift darunter: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Also voll auf Puls. Und natürlich anziehend für alle, die es mit Action halten. Wer auf dem roten Index präsentiert wird, ist natürlich per se interessant, auch für alle, die ihn zuvor vielleicht gar nicht auf dem Radar hatten. Dirk Kurbjuweit, der Chefredakteur des Spiegel hat also so argumentiert: „Siegmund ist ein eigener Fall, aber im Moment ist er eine hochrelevante Figur, weil ein Ministerpräsident der AfD in Sachsen-Anhalt dieses Land verändern würde, nicht nur das Bundesland, auch die Bundesrepublik“, schreibt er in einem Beitrag, in dem er sich für die Gestaltung des Covers rechtfertigt. „Relevanz ist unser oberstes Kriterium, nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet“, schreibt Kurbjuweit weiter. Ja klar, dem Verkauf dieses Spiegel-Titels hat die Entscheidung sicher nicht geschadet. „Relevanz“ kann in diesem Zusammenhang auch bedeuten, dass möglichst viele zahlende Leser erreicht werden. Ein solcher Titel schafft „relevante“ Reichweite. Denn sogar der Chor der Empörten teilte den publizistischen „Missgriff“ und verschaffte ihm somit weitere Beachtung. Allerdings gehört zur Beurteilung dazu, dass der dem Titel entsprechende Text im „Spiegel“ sehr gut recherchiert und geschrieben war und dadurch den Titelhelden Siegmund gekonnt aufs Korn nahm. Nun ja, sagen Kritiker, es sei halt aber so, dass das Cover dem AfD-Kerl mehr geholfen habe als ihm der Hauptartikel im Heft schaden konnte. Und warum? Weil die Leute das Cover an jedem Kiosk in Deutschland sehen – viele nahmen das Magazin dann nur, um sich ein Autogramm von Siegmund darauf verewigen zu lassen – während verhältnismäßig weniger Menschen den Hauptartikel dazu überhaupt gelesen hätten. Diese Kritik ist allerdings an sich zu hinterfragen. Denn Cover und Text im „Spiegel“ gehörten zusammen. Einfach nur zu mutmaßen, dass die Außenwirkung entscheidender sei als der damit einhergehende kritische Inhalt ist pure Spekulation. Noch schlimmer: Es suggeriert, dass die Leute draußen eher an der Aufmachung denn am Inhalt interessiert seien – also geistig eher nicht so auf Höhe sind. Doch das es bedient das Klischee der „blöden Leute“. Der Fall dieses „Spiegel“-Covers vor der Wahl in Sachsen-Anhalt mag allerdings im Lichte des dann folgenden Wahlsiegs von Siegmund schon weitere – schwierige – Fragen aufwerfen. Worin besteht die Aufgabe der Medien? Kann man eine politische Bewegung einfach weg schweigen oder ignorieren? Müssen die Medien nicht in erster Linie das spiegeln, was gerade in der Gesellschaft passiert? 

Die Rolle der „Sommerinterviews“ in ARD und ZDF – in die Falle getappt!

Ganz anders stellte sich die Sachlage allerdings bei den beiden „Sommerinterviews“ dar, gesendet am Sonntag 23.August, zwei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sowohl in der ARD wie gleichzeitig auch im ZDF. Denn in diesen Fällen war es ja keine Berichterstattung ÜBER die AfD und deren Spitzenpersonal. Sondern es war schlicht eine Bühne für die Rechtsextremen, sich zu präsentieren. Warum sollte eine offene Gesellschaft eigentlich genau jene auf die Bühne bitten, die ihre Institutionen und Regeln beseitigen wollen? Besonders schlecht an diesen AfD-„Sommerinterviews“ war dabei, dass die Moderatoren der Sender den Tricks der Interviewten völlig hilflos gegenüber standen. Tino Chrupalla gab in der ARD den gelernten Malermeister, einen durch und durch harmlos, verbindlich und sogar entwaffnend wirkenden Mann. Er schaffte es mehrmals, waghalsigste Behauptungen mit Formulierungen zu verniedlichen wie: „Ich denke, darüber sind wir uns einig.“ Da war der Moderator baff. Wir alle vor dem TV-Gerät allerdings auch. Zum Thema Klimawandel etwa, sagte Chrupalla, in seiner Wahrnehmung habe es gar keinen so „exorbitant unterschiedlichen Sommer“ gegeben. Wenn alles ganz normal ist, braucht es auch keine Klimapolitik. Und wo es keinen Verursacher gibt, da gibt es auch keine Verantwortung. Also alles ganz easy, wenn man Chrupalla glaubt. Die AfD bedient eine Sehnsucht nach Normalität, ohne Anstrengung der Menschen (also der Wähler) im Land. Und der Protagonist darf diesen Blödsinn frank und frei in der ARD verbreiten. Kostet ja nix, außer uns Beitragszahler natürlich, die sich vor Schmerzen krümmen sollten.

Gleichzeitig saß Alice Weidel im ZDF, randvoll mit Hass und Zorn und einer triumphierend guten Laune, die sich aus einer grenzenlosen Siegesgewissheit heraus keine Mühe gab, anschlussfähig, kompromissbereit oder zugänglich wirken zu müssen. „Die DNA der CDU ist die Lüge“ behauptete Weidel unwidersprochen vom Moderator der Sendung. „Die CDU wird keine einzige Bundestagswahl mehr gewinnen“, wiederholte Weidel anschließend mehrfach. Anders als Chrupalla parallel in der ARD gab sie sich alle erdenklichen Mühe, die radikalen Forderungen ihrer Partei auch radikal wirken zu lassen, und sprach voller Verachtung über Schengen, über Afghanen, über Syrer. 

Die Protagonisten der AfD waren den Leuten von ARD und ZDF überlegen 

Was wollten die öffentlich-recht(lich)en Sender denn damit bezwecken, dem blauen Puls zu pushen? Man kann einen Politiker im Studio kritisieren und ihm dennoch durch die bloße Präsenz politische Bedeutung verleihen. Doch selbst die Kritik prallte an den Protagonisten einfach ab. Dass der AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in Sachsen-Anhalt nur allein regieren will, während Chrupalla sagt, man würde mit allen reden? Er sieht da keinen Widerspruch. Dass die AfD auf „kulturfremde Fachkräfte“ verzichten will, aber er kein Problem mit einem syrischen Facharzt hat? Das widerspricht sich doch nicht! Dass in Siegmunds Umfeld Menschen mit Neonazi-Hintergrund arbeiten? Er weiß gar nicht, was da genau der Vorwurf sein soll. Es offenbart sich, wie riskant die Vorstellung sein kann, man müsse extreme Positionen nur oft genug öffentlich konfrontieren, damit sie an Wirkung verlieren. Man könnte auch sagen: Die Chefs der AfD sind bei solchen Interviews besser gewappnet als die Moderatoren der Sender. Es wäre besser gewesen, diese „Interviews“ gleich ganz zu lassen.

Wie geht das weiter? Eine knifflige Frage

Nachdem die Landtagswahlen im Osten gewisse Fakten geschaffen haben, ist es natürlich nicht möglich, nicht über die AfD zu berichten. Das wird aber auch dazu führen, dass deren Vertreter immer populärer werden. Und würde die AfD wie sie selbst lauthals auf allen Kanälen ankündigt demnächst in Deutschland die Macht übernehmen, dann würden sie die Sender unter ihre Kontrolle bringen, wenn nicht gleich abschaffen. Die heute schon hilflosen Moderatoren können dann blau machen. Aber nun ja, die Sender könnten auch Formate an den Start bringen, um sich rechtzeitig zu wehren. Wenn sie sich gegen die blaue Welle wenden.