Wenn ein „totes Pferd“ als neue Vision geritten wird!

Ursula von der Leyen sagte doch tatsächlich, dass die Abkehr von der Atomkraft in Europa „ein strategischer Fehler“ gewesen sei. Dabei bestand der Fehler in ganz etwas anderem.

Fotomontage: Adrian Kempf

Welche Idee hat eigentlich Ursula von der Leyen geritten, die auf dem Atomgipfel in Paris mit Bedauern sagte, die Abkehr von der Atomkraft in Europa sei „ein strategischer Fehler“ gewesen. Sie spielte damit selbstverständlich auf den deutschen Atomausstieg an. Nur zur Erinnerung: Beschlossen hatte die CDU-geführte Regierung von Angela Merkel den Ausstieg nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011. Und Ursula von der Leyen war als Ministerin damals dabei. Warum jetzt diese Kehrtwende? Kleine modulare Atomkraftwerke (SMRs) sollen künftig in der EU Strom liefern. „Unser Ziel ist einfach: Wir wollen, dass diese neue Technologie in Europa bis Anfang der 2030er-Jahre einsatzbereit ist“, sagte also die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf dem Weltgipfel für Kernenergie in Paris. Für Deutschland schloss Bundeskanzler Friedrich Merz eine Rückkehr zur Atomkraft aus. Aber Rumänien plant ein SMR-Projekt, auch Frankreich, Polen und weitere EU-Staaten streben die kleinen Reaktoren an. Klar, die Kernenergie ist einerseits emissionsarm und mit Blick auf die Klimabilanz „sauber“, sie prägt die Stromversorgung in zahlreichen EU-Ländern. Angetrieben von Frankreich, wo sechs neue Reaktoren gebaut werden sollen, feiert sie vermeintlich eine Renaissance. Da liegt die Vermutung nahe, dass von der Leyen halt in der französischen Hauptstadt einfach nur gesagt hat, was man dort hören wollte. Fachleute sagen, dass damit aber ein „totes Pferd“ geritten wird.

Denn andererseits ist Kernenergie teuer, neue Kraftwerke sind ohne staatliche Garantien nicht finanzierbar und die allzu bekannten Risiken verschwinden nicht durch schöne Reden.

Was ist dran an dem Hype um die Mini-AKWs?
Unter den Begriff „Small Modular Reactor“ fallen alle Reaktoren, die aus Kernspaltung Energie erzeugen und üblicherweise weniger als 300 Megawatt elektrische Leistung ausgeben. „SMRs sind schlicht kleiner als herkömmliche Atomkraftwerke und haben darum weniger Kernmaterial pro Reaktor“, sagt Mareike Rüffer, Leiterin der Abteilung Nukleare Sicherheit beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base). Allerdings arbeiten die großen Reaktoren mit vielfältigen Sicherheitssystemen, was das Risiko senke. Grundsätzlich anders ist es mit der Sicherheit bei einigen Kraftwerkstypen der sogenannten vierten Generation. Bei Kugelhaufenreaktoren ist eine Kernschmelze laut der Gesellschaft für Reaktorsicherheit physikalisch ausgeschlossen. „Aber kein Atomreaktor ist vor jeder Art von Unfall gefeit“, heißt es dort.


In kleinen Varianten herkömmlicher Atomreaktoren brennt das Uran weniger effizient ab, zeigt eine Berechnung des Base. Mini-AKWs erzeugen somit anteilig mehr Atommüll. Rüffer vom Base sagt: „Wir haben in der EU und weltweit jetzt schon kein Endlager, das überhaupt in Betrieb ist.“


Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) listet mehr als 70 Designs von SMRs auf. Darunter sind Leichtwasserreaktoren und deren Unterkategorie Druckwasserreaktoren, die wie herkömmliche Atomkraftwerke funktionieren, aber auch Konzepte der sogenannten vierten Generation wie etwa Flüssigsalz-Reaktoren oder solche, die mit Natrium, Blei oder Gas gekühlt werden.
China und Russland betreiben nach eigenen Angaben bereits SMRs. Die chinesische Anlage läuft laut den Daten, die bei der IAEA ankommen, mit 150 Megawatt Leistung, ein Viertel unter ihrer Ziellast. Daneben betreibt die japanische Atomenergiebehörde seit 1998 einen kleinen heliumgekühlten Demonstrationsreaktor mit 30 Megawatt Leistung, der aber keine Elektrizität erzeugt.
In Europa gibt es derzei an mehr als 15 Standorten Pläne, SMRs zu bauen. Tatsächlich im Bau ist noch keines. Beispielsweise will das US-Start-up Nuscale in die Umsetzungsphase eines SMR in Rumänien starten, Lizenzen stehen aber noch aus. Auch in Polen soll die Firma ein solches Kraftwerk bauen. Nuscale hatte 2023 sein erstes US-Projekt in Idaho abgesagt, nachdem die gestiegenen Kosten immer mehr kommunale Stromversorger abgeschreckt hatten.


In Großbritannien sind vier Mini-Reaktor-Projekte im Begriff Lizenzen zu erwerben. Der erste SMR von Rolls-Royce soll bis Mitte der 2030er-Jahre in Wales entstehen und 470 Megawatt Leistung liefern – also mehr als ein gewöhnlicher SMR. Auch dort fehlen noch standortspezifische Lizenzen und Umweltgenehmigungen.


Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte schon 2021 die Entwicklung von SMRs angekündigt, bis 2035 könnte der erste Reaktor fertig sein. Einen konkreten Plan für den Bau gibt es allerdings bis heute nicht. Apropos der Rede von Ursula von der Leyen auf dem „Atomgiefel“ in Paris: Der französische Staatskonzern EDF hat auch SMR-Projekte in Belgien, den Niederlanden, Italien, Schweden, Finnland und Tschechien.


Aber ist das überhaupt rentabel? Da winken viele Fachleute ab. Die Rentabilität von SMRs liege „in weiter Ferne“, schreibt die Beratungsfirma KPMG in einer französischen Studie, über die zunächst die Zeit berichtete.  Kernkraft sei die teuerste Form von Stromerzeugung, die es gibt. Und das gelte schon für große Atomreaktoren, aber erst recht für die SMRs. Denn diese haben einen strukturellen Größennachteil, weil es günstiger wird, je größer die Anlage ist.
Genau hier liegt mutmaßlich auch der Grund, weshalb Friedrich Merz eine Rückkehr zur Atomkraft ausschloss. Schließlich ist der Kanzler nun nicht dafür bekannt, dies aus ideologischen oder gar klimafreundlichen Erwägungen heraus zu sagen. Er sagt es schlicht aus rein wirtschaftlichen Erwägungen. Diese stehen im Zentrum seines Denkens und Handelns.
Anders als von der Leyen suggeriert, sind die kleinen Reaktoren „SMR“ keine Lösung: Trotz Hype und Milliarden an Investitionen gibt es kaum Fortschritte. Ob also SMR überhaupt bald und dann billig Strom produzieren können, ist völlig offen. Nix weiß man nicht!
Wind und Sonne liefern günstige Energie mit den geringsten negativen Nebenwirkungen. Und ein Endlager braucht man für sie auch nicht.

Was es hat es mit dem strategischen Dilemma von Europa auf sich?
Tatsächlich hatte die Merkel-Regierung (in der auch Ursula von der Leyen präsent war) einen strategischen Fehler begangen. Man hat sich seinerzeit nämlich auf die vermeintliche Sicherheit russischer Gaslieferungen verlassen und es dabei versäumt, die Energiewende und die dazugehörige Infrastruktur entschlossen umzusetzen. Es gab günstige Energie von Putin – warum da an eine düstere Zukunft denken, wie sie sich heute allerdings darstellt?


Ein Entwurf der EU-Gipfelerklärung lautet: „Die jüngsten Preisanstiege bei importierten fossilen Brennstoffen zeigten, „dass die Energiewende nach wie vor die effektivste Strategie ist, um die strategische Autonomie Europas zu erreichen, die Widerstandsfähigkeit zu stärken, die Energiepreise dauerhaft zu senken und die saubere, reichlich vorhandene und heimische Energie bereitzustellen, die für die Wirtschaft der Zukunft benötigt wird.“


Das ist Diplomatendeutsch. Übersetzt soll es wohl heißen: Nur ein konsequenter Ausbau der erneuerbaren Energien macht Europa ein Stück weit unabhängig vom Öl. Nötig wäre hier ein massiver Ausbau der Infrastruktur, und ebenso grenzüberschreitende Netze und Stromspeicher. Der Investitionsbedarf ist hoch: Allein, um die bereits so abgestimmten Ziele der Energiewende zu erreichen, schätzt die EU-Kommission, brauche es bis 2030 schon 660 Milliarden Euro an Investitionen.


Es ist ein Kreislauf. Europa hat selbst ja wenig Öl- oder Gasvorkommen, aber um seine Wirtschaft am Laufen zu halten, braucht es viel Energie. Und nur wenn die Wirtschaft läuft, haben die Länder auch das Geld, das es braucht, etwa zur Verteidigungsfähigkeit. Im etwas kleineren Maßstab sieht man das aktuell ja daran, dass der zarte wirtschaftliche Aufschwung, der sich in Deutschland angekündigt hatte, durch den Krieg im nahen Osten abgewürgt wird.

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