Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp denkt perspektivisch und umarmt alle seine Spieler herzlich.
Unter Jürgen Klopp ist alles anders. Der neue Bundestrainer agiert wie ein freier Radikaler. Allein für die Entdeckung von Rechtsverteidiger Philipp Treu und Linksaußen Derry Scherhant – beide glücklicherweise beim SC Freiburg – haben sich Klopps Massenvorstellungsgespräche mit 44 Kickern und 16 Debütanten schon gelohnt. Und plötzlich sind die nackten Ergebnisse den 83 Millionen Bundestrainern, von denen Klopp laut Aufschrift seiner Kappe ja nur einer ist, nicht mehr so wichtig. Einmal gewonnen, einmal verloren, zweimal unentschieden gespielt hat Deutschland unter seinem neuen Bundestrainer. Toll ist das nicht. Sein Amtsvorgänger Julian Nagelsmann wäre für die Bilanz herb kritisiert worden. Doch Klopp hat seine rundum neu zusammengefügte Mannschaft ja schlauerweise mit dem Ensemble eines Balletts verglichen, das sich erst eintanzen muss.
Und es gibt keinen Zweifel, wer hier den Tanzstock schwingt. Das zeigte sich auch – und sogar ganz besonders – nach der Niederlage bei Klopps Heimdebut in Augsburg gegen Griechenland. Denn dieses Spiel war nun wahrlich nicht besser als jenes bei der WM gegen Paraguay, das Nagelsmann den Job kostete. Der Kick war in beiden Fällen zum Gähnen. Wie gelähmt. Ohne Esprit, ohne Durchsetzungsvermögen, ohne alles.
Außer die Sache mit Jürgen Klopp. Der trat nach dem 0:1 in Augsburg gegen Griechenland vor die Live-Kameras der ARD (übrigens neben einem amüsiert und wohlwollend wirkenden Experten Bastian Schweinsteiger) – und hielt eine an Leidenschaft kaum zu überbietende Rede: „Das ist jetzt die Aufgabe. Für mich ist das kein Problem. Ich bin komplett frei davon. Ich habe in meinem Leben viel mehr Spiele verloren als ich wollte. Solange du nur die richtigen Schlüsse daraus ziehst ist eine Niederlage am Ende auch nur eine Information wie ein Sieg. Jetzt sind wir dabei, die Tür zu öffnen für neue Gesichter. Für die Stimmung der Mannschaft kann ich sorgen, das ist auch kein Problem. Außenrum wird es schwieriger. Aus meiner Sicht war es alternativlos, das so zu machen. Kann mir vorstellen, dass es draußen heißt: Wie kann man nur. Aber ich kann sagen: In dieser Woche war alles top. Außer jetzt das Spiel, da muss man ehrlich sein. Alles wird sich zusammen fügen. Weil das immer passiert, wenn du die richtigen Dinge tust. Und wir tun die richtigen Dinge.“
Das ist eben der Slang, den Jürgen Klopp drauf hat. Wo andere vielleicht in der defensive leise gesäuselt hätten, geht er sogar noch in die Offensive. Ob die große Euphorie, die er entfacht habe, schon verpufft sei., wurde er gefragt. Er hoffe nicht, habe aber ein paar Pfiffe gehört. „Vielleicht haben auch bloß ein paar laut ausgeatmet.“
Genau eine Woche später gab es das Rückspiel in Griechenland. Wenn ihm vor einer Woche jemand gesagt hätte, „dass man nach einer Woche so eine erste Halbzeit spielen kann, das hätte ich nicht geglaubt“, bilanzierte Klopp, „weil ich so was noch nie gesehen habe“.
Das ist ein typischer Klopp-Stil. Er nimmt öffentlich die Spieler nicht nur in Schutz (wie beim Hinspiel), sondern lobt sie auch über den grünen Klee, wenn sie seine Idee von Fußball umsetzen. Und das war mit dem höchst aggressiven Gegenpressing in Griechenland in der ersten Halbzeit tatsächlich der Fall.
Doch klar ist auch: Jürgen Klopp sucht sich die passenden Spieler für sein Spielsystem. Dieses steht über allem. Und er denkt nicht so sehr an heute, sondern an die EM 2028. Klopp denkt radikal perspektivisch. Dabei sprüht er vor Energie und umarmt seine Spieler herzlich. Doch keiner kann sich ganz sicher sein, welche Namen in diesem Ballett auftauchen, wenn es wirklich zählt.

