Wir wollen hier tatsächlich mal eine Lanze brechen für unseren Bundeskanzler Friedrich Merz. Wie er sich bis zur Selbstverleugnung gegenüber US-Präsident Donald Trump verhält, ist nämlich aller Ehren wert. Denn Merz tut das ja nicht aufgrund einer eigenen Eitelkeit, oder gar für seinen eigenen Vorteil. Er nimmt die sicher nicht leichte Selbstverzwergung auf sich, um Deutschland und Europa zu dienen. Er versucht raus zu holen , was im Moment drin ist. Und man kann ihm nun wirklich nicht anlasten, dass die über Jahrzehnte gewachsenen (und begrüßten) Machtverhältnisse heute so sind, wie sie eben sind. Er macht den Diener vor Trump, um einen Draht zu ihm zu behalten. Und das ist uneigennützig. Es kann in Krisensituationen (und Trump selbst ist ja eine einzige fortwährende Krise) zumindest dazu beitragen, das Schlimmste zu verhindern. Ohne Garantie , aber besser als nichts.
Ich erinnere mich diesbezüglich an ein persönliches Erlebnis: Ein Fußballfreund von mir klingelte nachts um zwei an meiner Tür in der Günterstalstraße. Er hatte aufgeplatzte Lippen und ziemlich blaue Flecken unter den Augen. Er erzählte mir dann, was passiert war. Er war in einer Keller-Disco in der Kajo gewesen. Da hat ein Hüne von zwei Metern und mit dick bepackten Muskeln eine Frau blöd angequatscht. Mein Freund ist dazwischen gegangen. Hat dem Typ gesagt, dass er die Frau in Ruhe lassen soll. Oder er würde ihm was auf die Fresse hauen. Nun ja, das Problem dabei war, dass mein Freund zu diesem Zeitpunkt gerade einen gebrochenen Knöchel (vom Fußball) hatte, und daher nur auf zwei Krücken überhaupt stehen konnte. Der Hüne hat ihn dann ohne Mitleid verprügelt.
Die wohlfeilen Rufe nach Standhaftigkeit und Kritik gegenüber Trump könnten zu demselben Ergebnis führen. Denn aufgrund vielfacher Versäumnisse in der Vergangenheit geht Deutschland auf Krücken, gerade in den Bereichen Militär und Verteidigungsfähigkeit. Auch wirtschaftlich wäre Deutschland allein zu klein. Und die diesbezügliche Kraft Europas und der EU ist zumindest unterminiert, weil es zu viele Einzelinteressen gibt und sich die EU auch stark nach rechts wandelt. Orban lässt grüßen.
Kanzler Friedrich Merz hielt in Davos dann eine ehrliche Rede. Es sei jetzt die Zeit der Großmächte angebrochen, die mit Macht, Stärke und notfalls auch mit Gewalt die Welt dominieren. Dies sei „kein kuscheliger Ort“. Er betonte, Europa müsse, in der neuen Ära der Großmächte, resolut und souverän zusammenstehen und dürfe die Nato nicht aufgeben. Europa wisse, wie wertvoll eine gute transatlantische Beziehung ist. Zudem sei man der festen Überzeugung, dass eine gute transatlantische Beziehung auch für die USA von Vorteil sei. Sie sei, so Merz „der stärkste Wettbewerbsvorteil der Vereinigten Staaten im Zeitalter der Großmächte.“
Den deutschen Kanzler hatte Trump schon bei dessen Antrittsbesuch im Oval Office im Juni als „sehr guten Mann“ gelobt, „mit dem man Geschäfte machen kann“. Den guten Draht zu Trump konnte Merz zumindest eine Zeit lang umtauschen in außenpolitisches Kapital. Nachdem Trump dem russischen Gewaltherrscher Wladimir Putin in Alaska den roten Teppich ausgerollt hatte, gehörte Merz zu den Organisatoren einer zunächst einigermaßen erfolgreichen europäischen Washington-Mission mit dem Ziel, Wolodimir Selenskij den Rücken zu stärken.
Ein paar Tatsachen kann Merz als Kanzler nicht offen aussprechen, ohne eben Trump zu verärgern, aber er muss mit ihnen umgehen. Merz weiß, die Wortmeldungen des US-Präsidenten sind irrwitzig und müssen als solche ernst genommen werden. Merz weiß auch, Trump wird die Ukraine fallen lassen. Darauf müssen sich die Europäer einstellen. Und dann wäre da noch die „Falle“: Unterwürfigkeit bestärkt Trump in seinem Größenwahn. Aber schließlich herrscht die klare Erkenntnis vor: Europa kann sich auf absehbare Zeit nicht allein gegen die Bedrohung aus Russland wehren.
Verstärkt zusammenarbeiten wollen daher Deutschland und Italien bei „Sicherheit, Verteidigung und Resilienz“. Italiens rechtspopulistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni war da ganz Ohr. Der Job des Bundeskanzlers ist derzeit kein kuscheliger. Man schlägt sich halt so durch. Aber nur mit dicker Lippe, wie bei meinem Freund damals, kommt ein Merz in der neuen Welt der ungenierten Großmächte nicht weit.

