Ein regionaler Traum wird zum weltweiten Erfolg: Ende Mai 1976 veranstalteten einige Aktive des damals frisch gegründeten Bund für Umwelt und Naturschutz und die badisch-elsässischen Bürgerinitiativen die weltweit erste und größte Ausstellung zu alternativen Energien in Sasbach am Kaiserstuhl. Der Widerstand gegen das im Nachbardorf Wyhl geplante AKW, das berühmte „Nai hämmer gsait“ war den Aktiven nicht genug. Es galt nicht nur „dagegen zu sein“, sondern eben auch die Alternativen zur Atomenergie aufzuzeigen. Die Ausstellung fand 3 Jahre nach der großen Ölkrise 1973 mit ihren vier Sonntagsfahrverboten statt, ein Ölpreisschock der heute wieder Erinnerungen weckt.
Aus heutiger Sicht waren die Sasbacher Sonnentage eine kleine, ja geradezu winzige Ausstellung alternativer Energien, doch wir sagten selbstbewusst und durchaus auch verwegen: „Das ist die Zukunft! Das sind die Alternativen zur Atomenergie“. Aber gerade dieses „aus heutiger Sicht“ zeigt den unglaublichen Erfolg der damaligen Idee und der umgesetzten Vision. Aus den Hoffnungen und Visionen von 1976 ist Realität geworden. Der Preis für Solarmodule ist seit 1976 um 99 % gesunken. Der immer noch aggressiv bekämpfte Strom aus Wind & Sonne ist schon lange viel kostengünstiger als Gefahrstrom aus Kohle, Öl, Gas und Atom.
Vom 26.5.1976 bis zum 30.5.1976 fanden die Ausstellung und eine Vielzahl von Veranstaltungen statt. Ich selbst habe damals als noch sehr junger Umweltschützer bei der Ausstellung mitgeholfen. Ich erinnere mich an Bottiche der Winzergenossenschaft, in denen Wasser solar erwärmt wurde, an die erste von mir bewusst wahrgenommene Fotovoltaikanlage, an den „Lörracher Trichter“ von Jürgen Kleinwächter, an frühe Windradmodelle und an erste Informationen und Vorträge zu damals „exotischen Themen“ wie Energieeinsparung, Endlichkeit der Rohstoffe, Klimaschutz und Wärmedämmung. Es gab Referenten, die sagten, dass irgendwann einmal der Liter Benzin 2 DM (1 Euro) kosten könnte. (Manche hielten solch verwegene Prognosen und Aussagen für Spinnerei, denn der Benzinpreis lag damals bei 83 Pfennigen pro Liter).
Das ganze Dorf Sasbach, geprägt vom AKW-Wyhl-Protest, war mit allen Vereinen an der Ausgestaltung der ersten „Sonnentage“ aktiv beteiligt. Auch die alternative Volkshochschule Wyhler Wald war mit dabei. Zum alemannischen Sänger- und Dichtertreffen kamen André Weckmann, Roger Siffer und das Babbedeckel Theater. Unter den hohen Laubbäumen des Festplatzes war das Ganze ein großes Volksfest mit Flohmarkt, Wein- und Bierausschank und (heute undenkbarem) Meerschweinchenrennen. Über 12 000 BesucherInnen kamen 1976 zu diesen ersten „Sonnentagen“ nach Sasbach.“
Es war tatsächlich eine sehr kleine, weltgrößte Ausstellung und es ist unglaublich und faszinierend, was sich in 50 Jahren aus diesen „Sonnentagen“ entwickelt hat. In den Jahren 1977 und 1978 wurde die Messe in Sasbach wiederholt, wuchs dann aber so schnell, dass sie nach Freiburg umziehen musste. Aus den Sasbacher Sonnentagen wurden die großen Öko-Messen des BUND, aus denen sich die Intersolar-Messe entwickelt hat. Eine Messe, für die bald sogar das Freiburger Messegelände zu klein geworden war. Zwischenzeitlich haben Windräder, Fotovoltaikanlagen, Umweltprodukte und Umweltideen längst die kleinen Nischen verlassen. Ökoprodukte und Umwelttechnik, die vor 50 Jahren in Sasbach noch bestaunte, neue Sensationen waren, gibt es heute im Baumarkt um die Ecke. Die vielen privaten Solaranlagen auf den Dächern führten auch zu einer Demokratisierung der Energieerzeugung. Zum Ärger der Energiekonzerne wurde ihr Energieerzeugungsmonopol gebrochen. Die Wirtschaftsministerin und Gaslobbyistin Reiche versucht gerade eine energiepolitische Zeitenwende rückwärts durchzusetzen. „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, soll Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt haben. Gut, dass sich die BUND-Aktiven und Bürgerinitiativen damals nicht an den Spruch des Altkanzlers gehalten, sondern ihre Träume in Realität umgesetzt haben. Sonnen- und Windenergie sind inzwischen selbstständige Wirtschaftsbereiche geworden. Die „Kinder“ der Sasbacher Sonnentage sind groß, eigenständig und lebenstüchtig geworden.

