Im Rhythmus der vier Elemente

Der fast 100 m hohe Utiariti-Wasserfall – spirituell bedeutsam und Herzstück des sanften Ökotourismus der Region. Fotos: Mike Kunz

Eine Reise im Rhythmus der Erde, des Feuers, des Wassers und der Luft – zwischen Savanne, Wasserfällen und der Kultur der Haliti-Paresi in Mato Grosso. Von Mike Kunz.

Es gibt Reisen, die beginnen mit einem Flughafentransfer und enden mit einer Erkenntnis. Diese hier beginnt am Aeroporto Internacional Marechal Rondon in Várzea Grande, unweit von Cuiabá, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Mato Grosso – und führt tief hinein in eine Region, die touristisch noch im Schatten von Amazonas und Pantanal steht, obwohl sie beiden in nichts nachsteht: das Hochland der Chapada dos Parecis, Heimat des indigenen Volkes der Haliti-Paresi.

Ankunft und Anreise

Cuiabá empfängt seine Gäste mit tropischer Schwüle und der gelassenen Betriebsamkeit einer Stadt zwischen Regenwald und Cerrado-Savanne. Schon am nächsten Morgen geht es weiter: Rund 400 Kilometer und fünf Fahrstunden – vorbei an schier endlosen Soja- und Baumwollmonokulturen – trennen Cuiabá von Campo Novo do Parecis, einer Kleinstadt, die zu Ehren des Volkes der Parecis benannt wurde – jenes Volkes, dem auch Kazike Rony angehört, der uns an einem der folgenden Tage als Gastgeber und Erzähler begleiten wird.

Aldea Wazare – ein Dorf, das sich einer Idee verdankt

Der dritte Tag gehört ganz dem Dorf Wazare und beginnt mit einem Willkommensritual, bei dem alle Gäste mit den nackten Füßen fest auf dem Boden bleiben – ein kleiner, symbolischer Akt und zugleich der Schlüssel zu allem, was folgt. Der Willkommensgesang der Haliti-Paresi basiert, erklärt uns Rony, auf vier Elementen: der Erde, die das Volk repräsentiert, dem Feuer, das für den Verstand steht, dem Wasser, das die Emotionen respektiert, und der Luft, die den Geist verkörpert.

Wazare ist eine Gottheit, der die Gemeinschaft ihre Ehrerbietung erweist. Bewohnt wird das Dorf ausschließlich von der Familie des Kaziken – 28 Menschen, darunter seine sechs Kinder und fünf Enkelkinder. Das Volk der Paresi insgesamt zählt 84 Dörfer und verwaltet ein Territorium von 1,2 Millionen Hektar, verteilt auf vier Gemeinden. 98,3 Prozent dieser Fläche sind erhalten geblieben, lediglich 1,7 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt – auch, um die finanzielle Nachhaltigkeit des Dorfes zu sichern.

Wer nach Wazare kommt, wählt zwischen zwei Formaten: die „Immersion“, bei der maximal zwölf Personen sechs Stunden lang eingekleidet, bemalt und tief in die Kultur eingeführt werden, oder das „Erlebnis“, bei dem bis zu vierzig Gäste an Aktivitäten der Wazare-Kultur teilnehmen können. Daneben gibt es das „Day Use“ für lokale Besucher ohne kulturelle Inhalte, mit klaren Regeln wie Musikverbot und festen Ruhezeiten. Besuche sind nur nach Terminvereinbarung möglich; vorab wird nach Allergien oder Einschränkungen gefragt. Das gesamte Geld aus den Angeboten bleibt im Dorf und wird unter den Mitwirkenden aufgeteilt.

Kazike Rony von der Aldea Wazare am Rio Verde, im rituellen Kopfschmuck der Haliti-Paresi. Foto: Mike Kunz

Kulinarisch zeigt sich, was nachhaltiger Ethnotourismus bedeutet: Biju, Fisch und Maniok stehen auf dem Speiseplan, das Trinkwasser stammt aus einem aufbereiteten artesischen Brunnen oder direkt aus dem Rio Verde. Federschmuck wird nicht verkauft, sondern nur verliehen; verkauft wird nur Schmuck aus nachhaltigen Materialien wie Buriti-Stroh. Unbebaute Flächen werden gezielt mit einheimischen Bäumen wieder aufgeforstet, auch entlang des Flussufers.

Zukunftsgewandt zeigt sich auch der Blick auf die Gesundheit: Die Schwägerin des Kaziken, eine ausgebildete Apothekerin, macht derzeit ihren Master und wird danach im Projekt „Farmácia Viva“ – der „Lebendigen Apotheke“ – traditionelle Heilmittel für den Verkauf aufbereiten. In der Dorfschule wird von der ersten bis zur fünften Klasse zweisprachig unterrichtet, in Portugiesisch und Haliti-Zako. Rony selbst war der erste Indigene seines Dorfes, der eine reguläre Schule besuchte, und studierte später Linguistik.

Sein Großvater lehnte die Idee eines für Besucher geöffneten Dorfes zunächst ab, sodass Rony einen eigenen Teil des Familienterritoriums abtrennen musste. 2010, im Gespräch mit seinen Brüdern, fiel die Entscheidung, Wazare zu gründen. „Ich habe auf mein Herz gehört und diese Idee in die Tat umgesetzt. Ich habe den Ort mit großer Mühe eröffnet, und heute sind wir hier und erzählen diese Geschichte“, sagt Rony – Wazare gilt vielen in der Region als Geburtsort des dortigen Ethnotourismus.

Dass dieser Weg kein Ausverkauf der eigenen Identität ist, betont Rony immer wieder: „Die zwei Kulturen, die des weißen Mannes und die der Indigenen, gehen gemeinsam. Es gibt ein Gleichgewicht, das für das Überleben meines Volkes fundamental ist, und das ist notwendig, damit wir in dieser neuen Welt weiterbestehen.“ Und mit Blick auf Landwirtschaft und Tourismus: „Die sozioökonomische Entwicklung ist wichtig, aber wir brauchen ein Gleichgewicht. Wir bauen zwar an, aber wir wollen keine Farmer sein, wir wollen unsere Geschichte bewahren und gleichzeitig nachhaltige Chancen bieten.“

Quatro Cachoeiras – Wanderungen und Ahnenwissen

Am vierten Tag empfängt uns die Gemeinschaft von Quatro Cachoeiras im Hati, dem traditionellen Versammlungsraum. Nach der Begrüßung durch die Dorfältesten führen geführte Wanderwege zu Naturattraktionen der Umgebung, während Gespräche mit den Ältesten Einblick in die gelebte Erinnerungskultur der Haliti-Paresi geben.

Wasser, Fels und Legenden

Der fünfte Tag führt zunächst ins Dorf Otyahaliti und zu den Utiariti-Fällen, einem Ort von großer spiritueller Bedeutung für die Haliti-Paresi, bevor es weiter zu den Belo-Fällen geht. Über Wanderpfade erreichen wir Wasserfälle und natürliche Felspools, deren Kulisse – schroffe Felsformationen, tosende Gischt, Ausblick über die Chapada – jeden Reisenden in ihren Bann zieht.

Ein Modell mit Zukunft

Was diese Reise durch Mato Grosso so besonders macht, ist weniger die einzelne Sehenswürdigkeit als das Gesamtbild: eine indigene Gemeinschaft, die Tourismus nicht als Bedrohung, sondern als Werkzeug begreift, um die eigene Kultur zu bewahren und wirtschaftlich unabhängig zu bleiben – ohne zur bloßen Folklore-Kulisse für Fremde degradiert zu werden. Limitierte Besuchergruppen, klare Regeln, faire Verteilung der Einnahmen, Wiederaufforstung, zweisprachige Bildung und die geplante traditionelle Apotheke: Wazare und seine Nachbargemeinschaften zeigen eindrucksvoll, dass Ökotourismus und der Schutz indigener Identitäten Hand in Hand gehen können. Die Haliti-Paresi haben einen Weg gefunden, ihre Kultur zu öffnen, ohne sie zu verkaufen. Sie teilen ihre Heimat mit Journalisten und Reisenden, um sie genau dadurch vor der Zerstörung zu bewahren.

Für Reisende, die mehr suchen als Postkartenmotive, ist die Chapada dos Parecis eine Region, die man sich merken sollte – nicht zuletzt, weil sie auf leisen Sohlen kommt: mit den Füßen fest auf der Erde, wie es das Willkommensritual von Wazare verlangt.

Luftaufnahme der Aldea Wazare am Rio Verde: Hatis, Fischteiche und wiederaufgeforstete Flächen dicht beieinander. Foto: Giuliano T.